Fleissige Schule der Stummen

Coiffeursalon im Kräutersouk
Coiffeursalon im Kräutersouk

Mitten in der Medina von Tunis, in einem der vielen Gassen in der Nähe des Kräutersouk: Ein paar Handtücher trocknen vor der Tür, ein Vorhang trennt den Raum von der kleinen Gasse davor. Man tritt ein und findet sich in einem grossen Raum wieder, der so heiss ist wie ein Hammam. Die vielen laufenden Haartrockner wärmen den Coiffeursalon richtig schön auf. An der Wand sitzt eine lange Reihe von Frauen auf einfachen Bänken, ihre Füsse stecken in kleinen Plastikbecken. Davor sitzt eine Angestellte des Salons und wetzt, putzt und cremt die Füsse ihrer Kundinnen. Das einzige Besondere: die Frauen, die hier arbeiten sind stumm.

Pédicure, Manicure, Föhnfrisur, Haare färben und schneiden, Brauen zupfen, Gesicht epilieren, alle diese Services kann man hier haben für je 3 tunesische Dinar. Unschlagbare Preise sagt meine Kollegin Sarra von der TAP (Tunis Afrique Press), die mich für eine Reportage hierher gebracht hat. Die Klientinnen kommen aus allen sozialen Schichten, sie schätzen die günstigen und guten Services. Die stummen jungen Frauen bekommen hier ihre Ausbildung zur Coiffeuse und arbeiten danach im Salon weiter, bis sie zu einer anderen Stelle in einem professionellen Salon weiter ziehen. Etwa 10 Mitarbeiterinnen hat der Salon zur Zeit, Fatma ist die Chefin des kleinen Teams. Fotografieren ist verboten, wird mir schnell angedeutet, als ich mein Iphone zücken will. Privatsphäre wird unter den Frauen hoch gehalten.

Auf der linken Seite des Salons steht eine Reihe von Stühlen und Spiegeln, dort werden Frisuren geföhnt und Brauen mit einer simplen Rasierklinge gerade geschnitten. In der Mitte des Raums sitzt eine Frau mit Wachsstreifen im Gesicht. Die geübten Hände der stummen Angestellten gleiten über das Gesicht der Kundin, sie verteilt die Wachsstreifen auf dem Gesicht und zieht sie wieder weg, drückt sie neu an, zieht sie wieder weg, in einem rasenden Tempo von der Stirn bis zum Hals. Es sieht aus wie ein sehr altes Ritual.

Foto 100

Die Kundin verzieht kein Gesicht, obwohl es sie schmerzen muss. „Nur beim ersten Mal – wir sind uns das inzwischen gewohnt“, sagen die andern Frauen hier. Viele kommen hierher, weil die Preise unschlagbar günstig sind, einen normalen Beautysalon können sie sich nicht leisten – wenige auch, weil sie die stummen Mädchen unterstützen wollen. Behinderte haben es in Tunesien nicht leicht eine Arbeit zu finden. Staatliche Unterstützung gibt es zwar, aber nicht ausreichend  und oft sind sie einfach von ihrer Familie abhängig. Für diese jungen Frauen ist die Ausbildung viel Wert, es gibt ihnen ein Stück Selbstwert und Unabhängigkeit zurück.

Grimassen und grosse Gesten

In der „Schule der Stummen“ zu arbeiten macht den jungen Frauen sichtlich Spass. Sie tauschen sich aus, nicht in Gebärdensprache aber mit grossen ausladenen Gesten. Um mir zu zeigen, dass sie mich mögen formen sie mit den Händen ein Herz. Um mich zu fragen ob ich Kinder haben, zeigen sie bei sich einen schwangeren Bauch an. In der Mittagspause setzen sie sich zu einem Kreis zusammen und „die Clownin“ unter ihnen erzählt eine Geschichte mit Grimassen und viel wilden Händeschütteln und auch ein paar zweideutigen Gesten. Die Runde windet sich vor Lachen, auch das natürlich stumm. Da kein Wort zu hören ist, sondern nur ab und zu ein Laut oder ein Räuspern, wirkt das ganze wie eine sehr humorvolle Pantomimen-Aufführung.

eine zufriedene Kundin
eine zufriedene Kundin

Fleissig wie die Bienen

Die Leiterin des Salons arbeitet ohne Unterbruch, schneidet Haare, epiliert Brauen, pflegt Füsse und dirigiert mit wenigen klaren Anweisungen das Personal. Die Pause endet mit einer simplen Handbewegung, die hier alle sofort verstehen. Die jungen Frauen stehen auf und beugen sich wieder über ihre Kundinnen.

Es ist erstaunlich wie gut die Kommunikation zwischen stummen Angestellten und sprechenden Kundinnen funktioniert. Meine Kollegin Sarra und ich lassen uns die Füsse pflegen und staunen nicht schlecht über die viele Hornhaut, die von unseren Füssen fällt. Für das Brauenschneiden rutscht man im Stuhl nach unten und lehnt einfach den Kopf nach hinten auf die Lehne. Hier ist kein Platz für ausladendes Spezialequipment – fürs Haarewaschen gibt es nur eine einzige Station.

Gearbeitet wird entspannt aber schnell. Die Atmosphäre ist sehr informell. Man kommt rein und zeigt mit den Händen, welchen Service man sich hier wünscht. Die Kundinnen verlassen den Saal mit professionell geföhnten Frisuren wie in jedem andern Salon. Zum Abschied gibt es hier ein stummes Küsschen und ein herzliches Lächeln. Bis zum nächsten Mal!

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