and the winner is …

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Filmstill aus „Au temps de la révolte“ – Youssef Ben Ammar (copyright)

Freitag Abend in Tunis: gestossen voller Kinosaal im Coulisée. Freunde, Studenten und Verwandte sind gekommen um sich 10 Wettbewerbs-Kurzfilme zum Thema Versöhnung anzusehen. Über 50 Filmstudenten von mehreren Filmschulen in Tunesien haben am Wettbewerb teilgenommen. Lanciert haben ihn das Goethe Institut Tunis und das Institut Français Tunis gemeinsam, anlässlich des 50 Jahre Jubiläums des Elysée-Vertrags zwischen Deutschland und Frankreich. „Versöhnung“ war die thematische Klammer für alle Kurzfilme.

Die Botschafter der beiden Länder, Jens Plötner (DE) und François Gouyette (FR) haben zum Start des Abends über die Versöhnung nach den beiden Weltkriegen gesprochen und wie wichtig der Elysée-Vertrag zwischen Frankreich und Deutschland für ganz Europa geworden ist. Beide haben den Versöhnungsschritt als Motor für die europäische Einigung bezeichnet.

Spaltung statt Versöhnung
Die politischen Zeichen in Tunesien stehen nicht auf Versöhnung, sondern trotz angekündigtem nationalem Dialog auf Sturm. Das Land ist im Moment tief gespalten. Die Kurzfilme greifen denn das Thema Versöhnung auch grösstenteils auf der persönlichen und weniger auf der politischen Ebene auf: Versöhnung mit dem eigenen Körper, innerhalb der Familie, zwischen Tradition und Moderne und eher überraschend gleich zwei Filme zur Versöhnung zwischen Juden und Muslimen. Im einzigen politischen Dokumentarfilm wird Versöhnung bezeichnenderweise auch als unmöglich bezeichnet.

Erwartete und überraschende Gewinner
Alle Genres waren am Wettbewerb vertreten: Animationsfilme, Dokumentarfilme und Fiction. Zwei Filme haben den Wettbewerb gewonnen, die dreiköpfige Jury (die belgische Regisseurin Véronique Cratzborn, der deutsche Produzent Andreas Eicher, die tunesische Menschrechtsaktivistin Amira Yahaoui) hat ausserdem eine „mention speciale“ ausgesprochen:

Gewinner: Youssef Ben Ammar „Au temps de la révolte“ (27 Min.) – Dokumentarfilm
Der Film geht auf subtile Weise der Frage nach, wie die Töchter der ermordeten Politiker Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi mit ihrer speziellen Rolle zwischen Waisen und politisierten Figuren umgehen. Ausserdem dokumentiert er diese beiden einschneidenden Ereignisse der jüngsten tunesischen Entwicklung nach der Revolution. Abgesehen von ein paar wenigen Längen überzeugt die Erzählweise und die Dramaturgie des Films und kann sich als Zweitwerk auch mit internationalen Arbeiten von Filmstudenten messen lassen.

Gewinnerin: Charlie Kouka „À ma fille“ (7 Min.) – Fiction
Der innere Monolog eines Vaters zeichnet mit Flashbacks die Stationen der Entwicklung seiner Tochter vom Kind zur jungen Erwachsenen nach und fragt nach den Momenten, wo sich die Sichtweisen auf das Leben zwischen Vater und Tochter auseinander dividiert haben. Die Tochter rebelliert gegen den Vater und wählt einen Berufsweg als Musikerin. Der Film ist autobiographisch gefärbt, die Dramaturgie ist schnell durchschaubar. Das Ende lässt eine Versöhnung zwischen Vater und Tochter erahnen. In der Zeichnung der Charaktere überzeugt der Film durchaus.

„mention speciale“: Brahim Benjakhou „La tombe“ (20 Min.) – Fiction
Ein alter Jude  besucht regelmässig das Grab seiner Tochter, das er eines Tages geschändet vorfindet. Er verdächtig einen jungen Mann als Täter und verscheucht ihn vom jüdischen Friedhof. Erst später merkt er, dass der junge Mann ihm helfen wollte, das Grab wieder herzustellen. Der Film überzeugt vor allem durch die Kameraführung, die dem alten Juden in intensiv selten erlebten Intimität durch seinen Tag folgt. Diese Intimität hält die Geschichte allerdings nicht die ganzen zehn Minuten durch.

Jury und Publikum waren sich grösstenteils einig
Die Jury hat drei von zehn Filmen hervorgehoben, von denen zwei in der technischen Machart (Schnitttechnik, Kameraführung) aus dem Gros der Filme  herausgestochen sind („Au temps de la révote“ und „La tombe“). Bei „Au temps de la révolte“ hat die Jury vor allem die Unmittelbarkeit der Momentaufnahme gewürdigt, sowie die souveräne Anwendung verschiedener filmischer Techniken und das Engagement des Filmemachers Ben Ammar. Ein Entscheid, den auch das Publikum klar nachvollziehen konnte. Wegen der politischen Dringlichkeit und der emotionalen Unmittelbarkeit der Bilder hat das Publikum diesem Film lange applaudiert.

Der Film „À ma fille“ hat für die Jury in seiner eigenständigen Erzählweise überzeugt, der Umgang der Filmstudentin mit den Schauspielern, der Blick für die Figuren. Ebenso ausschlaggebend war hier laut einem Jurymitglied die künstlerische Entwicklung der Filmemacherin während des Projekts. Das war im Endprodukt vielleicht für das Publikum weniger sichtbar. Der Entscheid für „À ma fille“ zeigt eine kleine Unschärfe dieses Projekts auf: Wenn die beiden beigezogenen Experten gleichzeitig Ausbildner und zwei Mitglieder der Jury bilden, kann die Zusammenarbeit mit den Filmstudenten-Crews die Einschätzung der filmischen End-Ergebnissen beeinflussen.

Übers ganze gesehen bot dieser Abend einen guten Einblick in die Arbeit der tunesischen Filmschulen, die diesen Wettbewerb alle als sehr bereichernd, ja sogar als transformative Kraft bezeichnet haben. „Versöhnung ist der beste Teil eines Streits“, dieses Bonmot haben die Studenten in der kooperativen Zusammenarbeit selber erleben können und es hat ihre Arbeit und ihre Haltung sichtbar verändert. Einer Wiederholung steht also nichts im Wege, meinte auch die Leiterin des Goethe Instituts Tunis Christiane Bohrer. Die beiden Gewinnerfilme werden auch an internationalen Filmfestivals in Frankreich und Deutschland zu sehen sein.

Über den Gewinner-Film „Au temps de la révolte“ von Youssef Ben Ammar habe ich bereits einen Artikel geschrieben: http://stages.mazblog.ch/ein-aktivist-mit-kamera/

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