Was macht der Terror mit den Menschen?

kontrolle

Vor dem Theater municipale  in Tunis. Immer Mittwochs demonstrieren hier die Anhänger des front populaire. Zwei ihrer Politiker sind Opfer von politischen Attentaten geworden. Heute sind weniger Menschen da also sonst. Die versuchten Anschläge vom Vormittag in Sousse und Monastir haben die Menschen weiter verunsichert. Der Terror installiert sich hier jede Woche ein Stückchen mehr. Zuerst waren die Sicherheitskräfte Zielscheibe, jetzt sind es Touristenorte und nationale Symbole.

Neben der überschaubaren Demonstration kontrolliert ein Polizist in Zivil einen Jugendlichen mit einem Rucksack. Die Menschen rücken instinktiv von der Kontrolle weg. Sie können sich alles vorstellen. „Es kann überall passieren“ – sagt Amel Bouzaiene, Mitglied des front populaire. „Die Leute haben Angst.“

„Sie können wegen kleinen Ereignissen schon in Panik geraten, sie kommen nicht mehr an die Demonstrationen. Es ist wirklich schwerwiegend, was sich jetzt in Tunesien abspielt. Sogar unter Ben Ali, einer Diktatur, war es anders. Eine solche Angst vor Anschlägen hatten wir nie. Man geht am morgen aus dem Haus und weiss nicht ob man abends noch heim kommt. Ich habe meinen Bewegungs-Zyklus zwar nicht angepasst, ich bewege mich wie immer. Aber ich danke Gott, wenn ich heil heim komme. Weil wirklich alles passieren kann.

Wir denken, dass es Kräfte sind, die den nationalen Dialog aller Parteien stören wollen, und es gibt politische Kräfte, die die Menschen in Panik geraten lassen wollen. Und wir sind erst am Anfang. Es gab eine Zeit, in der es schon Versuche gab, zum Beispiel auch Einkaufszentren zu treffen, zum Glück wurde es vereitelt. Aber heute denken wir schon daran, dass es wie im Irak oder wie in Pakistan, Afghanistan werden könnte. Auch Somalia war einmal ein normales Land.

Wir hoffen, dass wir mit dem nationalen Dialog das Land retten können, oder wenigstens aus der schwierigen Lage raus finden. Die Terroristen glauben nicht an den Dialog. Aber sie werden es nicht schaffen den nationalen Dialog zu stoppen.

Den Leuten in Tunesien geht das nahe, sie sind deprimiert, sie haben Angst, ihre Moral ist am Boden, sie mögen nicht mehr arbeiten.“

Ein Selbstmordattentäter hat sich auf einem Strand in Sousse in die Luft gesprengt. Ein weiterer wurde in Monastir daran gehindert, das Bourguiba Mausoleum zu verwüsten. Beides sind symbolträchtige Orte, weil aus diesen Orten die politischen Leader seit der Unabhängigkeit Tunesiens stammen. Ben Ali stammt aus Sousse, Habib Bourguiba stammte aus Monastir.

 

Auf der Redaktion waren die erneuten Anschläge das Thema Nummer eins; Analysen und Reaktionen wurden eingeholt. Aber es gab auch emotionale Reaktionen von meinen Kollegen und Kolleginnen. Weinkrämpfe, Sorgen um die Kinder, Auswanderungswünsche, Frustration, extreme Gefühlsausschläge: die gesamte Palette. „On est dans la merde“, „c’est l’anarchie totale“. Alle fühlen sich verunsichert. Eine Frau auf der Strasse hält mich an und sagt mir: „Si la police est menacée, nous sommes tous menacés“. Die Leute fürchten um ihr Land und um ihre Leben.

Zusätzlich kursierten Falschmeldungen, das Innenministerium dementierte eine Explosion in einem Café von La Marsa, ein nördlicher Vorort von Tunis. Es fordert die Medien auf, im Interesse der nationalen Sicherheit keine Gerüchte zu verbreiten.

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