Ach du meine Güte!

Buchcover Marzouki
Buchcover Marzouki

„Bonté divine! – Ach du meine Güte!“
So lautet der Titel eines Buchs, das im Oktober 2013 in Tunesien neu herausgekommen ist. Es ist eine ziemlich schonungslose Abrechnung mit dem Staatspräsidenten Moncef Marzouki, der nach den ersten freien Wahlen in Tunesien, also im Oktober 2011 im Präsidentenpalast in Carthage sein Amt angetreten hat.

Der Autor des Buchs ist Nizar Bahloul, Journalist und Gründer des Onlinemagazins Business News, welches täglich Analysen und Berichte zum politischen und ökonomischen Wandel Tunesien veröffentlicht. Gleich im Untertitel macht der Autor klar, dieses Buch wird den Staatspräsidenten nicht mit Samthandschuhen anfassen, sondern anhand von öffentlichen Äusserungen, Auftritten und Pressekonferenzen die bisherige Amtszeit des Präsidenten gnadenlos auf Schwachstellen analysieren.

„Der Mann der nicht wusste, wie man Präsident ist.“
Im Buch finden sich denn auch nur wenige Stellen, die Präsident Marzouki eine besonnene Reaktion auf die politisch turbulenten Ereignisse nach der Revolution in Tunesien zubilligt. Nizar Bahloul zeigt einen Präsidenten, der von Fauxpas zu Fauxpas stolpert, bewusst oder unbewusst, das fragt sich auch der Autor. Und als Leserin fragt man sich nach der Lektüre: Hat dieser Politiker wirklich alles falsch gemacht?

Das Erstaunliche dabei ist: Moncef Marzouki ist der bisher letzte  „Überlebende“ aus dem Wahlgang im Oktober 2011. Sämtliche Posten auf dieser höchsten politischen Hierarchie sind bis spätestens Anfang 2014 ausgewechselt worden. Zuletzt hat im Januar 2014  eine neue Übergangsregierung die islamistisch dominierte und gewählte Regierung rund um die Partei Ennahda abgelöst. Nur der Staatspräsident sitzt noch immer im Amt.

Versäumnisse
Die Liste der Versäumnisse dieses Präsidenten ist lang. Bahloul beschreibt ihn als Einzeltäter im Präsidentenpalast von Carthage, wo er eine Art kleine Parallelregierung aufgebaut hat. Er habe in wenigen Monaten das grösste politische Kapital verspielt, sei isoliert vom Volk und mit stets sinkender Popularität konfrontiert. Das Vertrauen der politischen Partner, der Opposition, der Mitstreiter von früher sei weg.

Dabei hatte Moncef Marzouki bei Amtsantritt noch den Respekt grosser Bevölkerungsteile. Er ist Ex-Präsident der Tunesischen Liga für Menschenrechte und hatte sich im Land und später in Frankreich, wohin er auswanderte, immer für die Meinungsfreiheit und weitere Menschenrechte stark gemacht. Allerdings hatte er auch lange vor 2011 dafür plädiert, dass alle Kräfte in die politische Zukunftsplanung eingebunden werden, auch die Islamisten. Davon spricht heute keiner mehr. Auch nicht Nizar Bahloul.

Er seziert Marzoukis Misstritte regelrecht. Marzouki kommuniziere oft ungelenk und könne mit Kritik nicht umgehen. 2013 hat er in seiner Funktion als Präsident sogar eine Klage gegen einen Journalisten eingereicht. Sein Reformvorschlag im Bildungswesen, das Schaffen einer eigenen Kommission, war ein Schlag ins Wasser: Die Kommission existierte nämlich bereits. Er brüskierte nicht nur die Tunesier, indem er schon wenig Tage nach der Ermordung des Oppositionspolitikers Chokri Belaïd behauptete, das Volk habe diese Vorkommnisse verdaut. Er machte sich auch Feinde unter den Nachbarländern, rief einseitig ein Gipfeltreffen mit den Maghrebstaaten aus, ohne diese zu konsultieren.

Machtspiele
Er setzte die Ablösung des Zentralbankpräsidenten Nabli durch, eine persönliche Abrechnung mit dem damaligen Premierminister Hamadi Jebali, mutmasst der Autor. Die Absetzung des ägyptischen Präsidenten Morsi hat er zusammen mit der islamistischen Ennahda als fast einziger arabischer Staat als unrechtmässig bezeichnet. Grosse Teil des tunesischen Volks rieben sich darüber die Augen und schüttelten den Kopf. Und schliesslich lachte man nur noch über ihn. Niemand scheint ihn heute mehr Ernst zu nehmen. Selbst einige seiner früheren Mitstreiter haben sich von ihm abgewandt, schreibt Nizar Bahloul. Zu sehr habe er im Innern seines Bereichs hoch dotierte Posten wie Kuchenstücke unter Freunden statt unter kompetenten Beratern aufgeteilt.

Lachen bleibt im Hals
Das Buch ist in 45 kurze Episoden rund um die Auftritte Marzoukis aufgeteilt und liest sich leicht. Auch wenn die Beschreibung einer Live-Sendung im Präsidentenpalast durchaus Unterhaltungspotenzial haben könnte, die Summe der Versäumnisse lässt einem das Lachen schon etwas im Hals stecken bleiben. Folgt man der Argumentationslinie dieses Buches, dann scheint es ein einziges grosses Rätsel zu sein, dass Moncef Marzouki überhaupt noch im Amt ist. Doch selbst wem die Haltung des Autors zu tendenziös erscheint, es lohnt sich es zu lesen. Denn es gibt Einblicke in den engeren Machtzirkel der ersten frei gewählten Regierung nach der tunesischen Revolution.

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