„Wandert nicht aus, baut eure Zukunft!“

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Blamassi Touré, in seinem Büro im Maison du droit et des migrations 

Blamassi Touré von der Elfenbeinküste wollte wie viele junge Afrikaner für seine Ausbildung nach Europa. Schliesslich hat er aber im nordafrikanischen Staat Tunesien studiert und lebt seit über zehn Jahren dort. Das hat er nie bereut. Heute setzt er sich von Tunesien aus gegen die irreguläre Migration der jungen Afrikaner ein. Europas Migrationspolitik sieht er kritisch.

Das Telefon redet mit ihm, wenn jemand anruft. Blamassi Touré ist blind seit seinem sechsten Lebensjahr. Würde man nicht den Blindenstock in der Ecke sehen, fiele das nicht mal auf. Blamassi Touré trägt einen Anzug, steht zur Begrüssung auf und streckt einem sofort die Hand entgegen. Er arbeitet in einem Büro des Maison du droit et des migrations – das Haus für Recht und Migration im Zentrum von Tunis – eine Nichtregierungs-organisation, die legal und illegal eingewanderte Migranten im tunesischen Gesetzesdschungel rechtlich berät. Seit 2014 ist Blamassi Touré hier fest angestellt. Er engagiert sich gerne. Vor seiner Anstellung war er Präsident der Vereinigung der afrikanischen Studenten in Tunesien.

Blamassi Toure hat sich weder Tunesien noch das Studium ausgewählt. Sein Traum war es nach Frankreich zu gehen, um Recht zu studieren. Er erhielt aber kein Visum. Als Ausländer hatte er in Tunesien ausserdem keinen Zugang zum Rechtsstudium. Also studierte er Kinesiotherapie. Später, als er die finanziellen Mittel dazu fand, kam noch HR-Management dazu.

Die Elfenbeinküste war lange ein stabiles Land aber aufgrund innerer Spannungen kam es zu einer politischen Krise, Teile des Militärs putschten. Seit 2002 herrschte Bürgerkrieg. Seine Familie hat dann 2004 entschieden, dass der blinde Blamassi Touré besser im Ausland aufgehoben sei. „Es gab einerseits während der Krise keine Unterstützung für behinderte Menschen. Zweitens war ich durch meine Rolle als Studentenführer an der Universität exponiert und mit Schlüssel-Personen des Konflikts in Verbindung. Und drittens wollte ich mein Rechts-Studium weiter verfolgen.“

Afrika hat Zukunft
Seit dem Alter von 14 Jahren hatte sich Blamassi Toure stets für Behinderte eingesetzt, darunter auch als Präsident des Blindenverbands an der Elfenbeinküste. Heute glaubt er fest an die panafrikanische Idee ein, der Kontinent Afrika habe Zukunft. „Ich kämpfe für alles, was die afrikanische Jugend verschiedener Nationalitäten zusammenbringen kann, um die Probleme dieses Kontinentes gemeinsam zu diskutieren und anzugehen. Vor allem auch die Migration.“

Die ganze Jugend Afrikas sehe ihre Zukunft nur in Europa und einmal mehr reagierten die afrikanischen Länder nicht darauf, ärgert sich Blamassi Touré. Er selber hat es nie bereut nach Tunesien gekommen zu sein, sogar wenn es schwierige Momente gab, wegen seiner Hauptfarbe und wegen seiner Behinderung. „Ich habe viel von Tunesien gelernt, ich habe die tunesische Revolution miterlebt. Ich habe Freunde gefunden. Ich habe auch Leute getroffen, die mich zurückgewiesen haben. Aber ich habe mir immer gesagt, es gab auch an der Elfenbeinküste Menschen, die mich abgewiesen haben.“

Packt Afrika seine Chance?
Was sagt Blamassi Touré einem jungen Afrikaner, der sich auf illegalem Weg nach Europa aufmacht? „Was ich den Jungen sage: Wartet nicht auf ein Wunder. Es ist an euch ein Wunder zu kreieren. Habt keine Angst davor eure eigene Zukunft zu bauen. Die Politiker sind nur so stark wie unsere Aktionen oder wie unsere Untätigkeit.“

Afrika sei voller Chancen: Alles sei neu zu machen und aufzubauen. Die Frage sei nur: Wird der Afrikaner beim Aufbau dabei sein? Normalerweise sei Afrika zu spät. Tunesiens Vorbild habe aber vieles verändert, sagt Blamassi Touré. „Das afrikanische Volk kann seine Stimme durchsetzen, kann sich erheben. Das ist jetzt bewiesen. Tunesien hat nicht gewartet, bis Europa gesagt hat, was es tun soll. Burkina Faso auch nicht.“

Korrupte Regierungen nicht unterstützen
Auch an die europäischen Regierungen hat Blamassi Touré eine klare Botschaft.

Hört auf Geld in die afrikanischen Regierungen zu stecken. Das ist nicht die Lösung der illegalen Migration. Investiert in die Jugend, direkt in die Bevölkerung.

Via Mikrokredite könne man z.B. den Jungen das soziale Unternehmertum näher bringen, so würden sie auch Arbeitsplätze für andere junge Menschen schaffen. „Wenn sie Geld den Ministerien direkt geben, was passiert: sie kaufen sich grosse Villen für ihre Geliebte und Autos.“

Das sei keine Lösung und dazu Missbrauch von Steuergeldern, meint Blamassi Touré.„Gebt 2 Milliarden Euro an afrikanische Regierungen, und ihr werdet den Jungen in Eritrea, im Südsudan und in Darfur, nicht helfen können. Wir werden immer weiter im selben Hamsterrad drehen…“

Er selbst will eines Tages wieder an die Elfenbeinküste zurückkehren. Blamassi Touré hat auch politische Ambitionen und würde sich gerne als ersten blinden Leader Afrikas sehen. „Ich möchte für mein Land nützlich sein, aber nicht nur für mein Land, denn meine Ambitionen sind grösser als die Grenzen eines Landes.“ Man wünscht ihm gerne, dass es gelingen wird.

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